Neue apostolische Gemeinschaft im Kongo entstanden – Reaktion auf die Frauenordination der NAK

Im September 2022 hat die Neuapostolische Kirche angekündigt, ab 2023 Frauen grundsätzlich mit allen kirchlichen Ämtern betrauen zu wollen. In einigen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent führt der Beschluss zu kontroversen Reaktionen. Vor allem in Sambia und in der Demokratischen Republik Kongo treten teils offener Protest gegen die Frauenordination zu Tage. Darüber hinaus stehen die einschlägigen Facebookgruppen mit Bezug zur Neuapostolischen Kirche seit dem 21. September nicht mehr still. Die dortigen Bilder und Kommentare sind im wörtlichen Sinne eindrucksvoll und veranschaulichen die Wirkungsweisen kommerzieller sozialer Medien. Für eine vollständige Einordnung und Kontextualisierung wäre die Arbeit qualifizierter Journalist*innen vonnöten. Einige grundlegende Narrative lassen sich dennoch herausfiltern.

Zunächst sind da die Videos, die viral gehen. Zum einen von einem Protestzug vor der Kirchenverwaltung der NAK Kongo West, bei welchem offenbar Reifen und anderes Material vor dem Tor der Verwaltung verbrannt wird. Ein anderes Video zeigt Protestierende, die den dortigen Bezirksapostel Michael Deppner am Verlassen einer Kirche hindern, ein drittes lässt das Bild des Stammapostels Jean-Luc Schneider in Flammen aufgehen. Aber auch darüber hinaus scheint Facebook eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Neuigkeiten, Kommentaren und offiziellen Stellungnahmen der Kirchenleitungen zu spielen.

Die überwiegende Mehrheit an kritischen Kommentaren scheint in der Entscheidung zur Frauenordination einen Widerspruch zur biblischen Lehre zu sehen. Die Aussagen der neutestamentlichen Briefe, die einer Beteiligung von Frauen am liturgischen Dienst ablehnend gegenüberstehen, dürften nicht ignoriert werden. Eine theologische Reflexion scheint dabei weniger eine Rolle zu spielen, im Gegenteil wird Theologie in einer Vielzahl an Beiträgen als Verbiegen der göttlichen Wahrheit betrachtet. Die Entscheidung der Kirchenleitung sei daher als zunehmende Einflussnahme des Teufels auf die Kirche zu interpretieren und nicht als Erkenntnis aus dem Heiligen Geist. Im Zuge dieser Grundannahme bilden sich seitdem weitere Annahmen für den vermeintlich zunehmenden satanischen Einfluss auf die NAK heraus, welche teilweise den Charakter von Verschwörungstheorien annehmen. Einen breiten Raum nimmt dabei auch die Annahme ein, dass mit der Frauenordination auch die Ordination homosexueller Amtsträger*innen und die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt würden.

Der Höhepunkt verschwörungstheoretischer Kreativleistungen besteht wohl in folgender Erzählung: Dem als Katholik geborenen und vom Teufel verführten Stammapostel Jean-Luc Schneider ginge es mit der Einführung von Frauenordination und gleichgeschlechtlicher Ehe um nichts anderes als die Eingliederung der NAK in die römisch-katholische Kirche.

Die Kirchenleitungen vor Ort reagieren auf die aktuelle Situation in unterschiedlicher Weise. Bereits am 21.09. tritt die NAK Sambia in einer Presseerklärung Vorwürfen aus sozialen Medien entgegen, die NAK würde sich proaktiv für LGBTQ-Rechte einsetzen (Homosexualität wird in Sambia als illegal betrachtet). Am 16.10. teilen Bezirksapostel Soko und die Apostel und Bischöfe der NAK Sambia in einer Resolution mit, dass in ihrem Bereich bis auf weiteres von der Frauenordination Abstand genommen werde. Sie begründen dies damit, dass die Ordination von Frauen in ihrem Bereich derzeit kulturell nicht akzeptiert wird.

Die Neuapostolische Kirche Kongo Süd-Ost veröffentlicht am 28.10. ein Schreiben des Bezirksapostels Tshisekedi. In diesem erklärt er, dass die dortige Kirchenleitung sich zum Themenkomplex Frauenordination fortgebildet hätte und in seelsorgerischen Fragen diesbezüglich weiter zur Verfügung stünde. Gleichzeitig wird betont, dass niemand gezwungen werden könne, die neue Lehre anzunehmen, man aber herzlich dazu einlade. In diesem Zusammenhang erfolgt eine deutliche Absage an Gewalt als geeignetes Überzeugungsmittel und der Aufruf zur Nächstenliebe. Seitdem erscheinen auf dem Facebookprofil der NAK DRK Südost Schreiben der einzelnen Apostel, welche zur Nachfolge und Annahme der Lehre einladen.

Christophe Kabongo Kantu (Foto: nak-zentralarchiv.de)

In der Neuapostolischen Kirche Demokratische Republik Kongo West äußert sich als erstes Apostel Christophe Kabongo Kantu, Apostel für den Bereich Kinshasa-Nord. Er wurde am 1. August 2010 durch Stammapostel Wilhelm Leber in Kinshasa zum Apostel ordiniert (Nr. 775 in der Apostelliste des APWiki). Sein Arbeitsbereich umfasst 15 Bezirke mit 75 Gemeinden. Das APWiki merkt auch an:

1996 verließ ein Bezirksevangelist Kabongo in der D.R. Kongo mit 25 Gemeinden die Neuapostolische Kirche. Ein familiärer Zusammenhang mit Apostel Kabongo ist nicht bekannt.

APWiki, https://www.apostolische-geschichte.de/wiki/index.php?title=Kantu_Ch._Kabongo

In einer Presseansprache am 26.10. „entsolidarisiert“ er sich vom Stammapostel und der Neuapostolischen Kirche International aufgrund der von ihnen verkündeten „unbiblischen Lehre“. Das entsprechende Video in französischer Sprache ist weiterhin bei Youtube online.

Kurz darauf wird ein Plakat für den ersten Gottesdienst der „Eglise Neo-Apostolique Authentique“ (zu Deutsch etwa „Authentisch-Neuapostolische Kirche“) mit dem Apostel am 30.10. veröffentlicht.  An diesem Gottesdienst nehmen nach Angaben der Gemeinschaft 8900 Gläubige vor Ort und weitere 3100 per Übertragung teil.

Titel der Facebookseite der ENA/A Internationale im November 2022, https://www.facebook.com/enaauthentique

Bezirksapostel Deppner (NAK DRK West) teilt den Gläubigen seines Arbeitsbereichs am 28.10. per Rundschreiben die Amtsenthebung Kabongos und seinen Ausschluss aus der Neuapostolischen Kirche durch den Stammapostel mit. Gleichzeitig verurteilt er gewalttätigen Protest und die Störung von Gottesdiensten als unchristlich. In einem weiteren Schreiben vom 01.11. wehrt er sich ebenfalls gegen Stimmen, welche die Frauenordination in einen Zusammenhang mit Homosexualitätsfragen stellen.

Die „ENA/A Internationale“ ist währenddessen weiter auf dem Weg sich zu konstitutionalisieren. Gläubige werden dazu aufgerufen geeignete Versammlungsstätten ausfindig zu machen und der Kirchenleitung mitzuteilen. Am 04.11. präsentiert die Gemeinschaft ihr offizielles Emblem. Dabei handelt es sich kurioserweise um das alte NAK-Emblem, flankiert von den griechischen Buchstaben Alpha und Omega. Am 06.11. führt Apostel Kabongo einen eigenen Entschlafenengottesdienst durch. Inhaltlich bleibt abzuwarten, wohin sich die neue Gemeinschaft entwickeln wird und ob eine Absage an die Frauenordination langfristig als Alleinstellungsmerkmal ausreicht, um parallel zur NAK zu existieren.

Beitrag aus der Mitgliederzeitschrift “Rundbrief” des Netzwerks Apostolische Geschichte e.V., mit freundlicher Genehmigung entnommen und bearbeitet. Wer die Zeitschrift beziehen möchte, ist herzlich eingeladen, dem Netzwerk als förderndes Mitglied beizutreten.