4. Dezember 2007

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Am 4. Dezember 2007 fand ein Informationsabend der Neuapostolischen Kirche statt, welcher an jenem Tag aus Zürich europaweit per Bild und Ton übertragen wurde. Der Abend wurde von Stammapostel Wilhelm Leber geleitet. Der Informationsveranstaltung folgten schwere Kritiken, Kirchenaustritte sowie ein Abbruch der Gespräche zwischen der Neuapostolischen Kirche und der Apostolischen Gemeinschaft sowie den anderen Gemeinschaften der VAG. Apostel Volker Kühnle bezeichnete ihn im Jahr 2010 während einer Podiumsdiskussion am Stand des Netzwerkes Apostolische Geschichte auf dem Ökumenischen Kirchentag in München als "Betriebsunfall".

Inhalt

Selbstbild

Aufgrund einer Studie über den Bekanntheitsgrad der Neuapostolischen Kirche erarbeitete eine Projektgruppe ein Selbstbild der Neuapostolischen Kirche. Die Formulierung eines Selbstbildes schien der Kirchenleitung wichtig im Hinblick darauf, die Kirchenmitglieder in Gesprächen mit Andersgläubigen in die Lage zu versetzen, in kurzen und einfachen Worten deutlich machen zu können, was die wesentlichen Merkmale neuapostolischen Glaubens und der Kirche seien. Mit dem Selbstbild sollte eine Grundlage für weltweite einheitliche Aussagen in der Öffentlichkeit geschaffen werden. Näheres unter "Das Selbstbild der Neuapostolischen Kirche".

Geschichte der NAK

Die kircheninterne Arbeitsgruppe „Geschichte“ der Neuapostolischen Kirche hatte Ergebnisse zum Themenbereich Abspaltungen der Kirche in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts zusammengetragen. Unter dem Titel „Die Neuapostolische Kirche in der Zeit von 1938-1955. Entwicklungen und Probleme“ trug Apostel Walter Drave, Leiter der Arbeitsgruppe, eine Zusammenfassung vor. Rund 3.000 ausschließlich schriftliche historische Dokumente wurden ausgewertet; auf die Befragung von Zeitzeugen hatte die Arbeitsgruppe vorerst verzichtet.

Der Inhalt der Ausarbeitung sowie die Art des Vortrages durch Apostel Drave lösten unzählige negative Reaktionen aus. Hauptkritikpunkte waren und sind die einseitige und unreflektierte Zusammenstellung des Vortrags, die offensichtlich vorhandene apologetische Absicht, die Schuld für die Trennungen auf Seiten der getrennten Gemeinschaften zu suchen, die Verletzung von Absprachen bezüglich der gemeinsamen Erarbeitung des Themas mit der Apostolischen Gemeinschaft sowie die rhetorische Art des Vortragenden. Weitere Informationen darüber unter "Folgen" und "Kritik".

Vision und Mission

Dieses Thema beschrieb die Praxis des kirchlichen Lebens: Wie soll die Neuapostolische Kirche aussehen? Was ist Zielvorstellung? Welchen Zweck verfolgt die Kirche? Näheres unter "Vision und Mission der Neuapostolischen Kirche".

Neues Gesangbuch

Das Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche ist seit Ostern 2005 in Gebrauch. Nach Aussage der Kirche gab es immer wieder kritische Stimmen dazu, so wurde vorgebracht, dass ungeübte Organisten mit manchen Orgelsätzen ihre Schwierigkeiten haben, insbesondere bei den sog. „Traditionsliedern“. Stammapostel Wilhelm Leber hatte veranlasst, die Orgelsätze der Traditionslieder noch einmal zu überprüfen. Bei Bedarf würde eine vereinfachte Version zur Verfügung gestellt werden. Diese erschien schließlich Ende 2009 im Friedrich Bischoff Verlag und ist dort kostenfrei als Download erhältlich. Indirekt war dies auch als Reaktion auf die bereits erfolgte Veröffentlichung einfacher Orgelsätze zum Gesangbuch durch einen Fremdverlag (Edition Punctum Saliens) zu sehen.

Europa-Jugendtag

Der Europäische Jugendtag der NAK wurde beim Informationsabend für den Zeitraum 21. bis 24. Mai 2009 angekündigt. Rund 40.000 Teilnehmer aus nahezu allen Ländern Europas wurden auf dem Düsseldorfer Messegelände erwartet. Neben dem Festgottesdienst am Sonntag wurden weitere Aktivitäten geplant: thematische Workshops, Podiumsgespräche, musikalische Anlässe, Vorträge und Bibelarbeiten sowie Sportaktivitäten. Alle Programmpunkte sollten auf die jugendliche Zielgruppe abgestimmt sein. Näheres unter "Europa-Jugendtag 2009".

Katechismus

Die Neuapostolische Kirche arbeitete seit geraumer Zeit an einem Grundlagenwerk über den neuapostolischen Glauben. Darin sollte in zeitgemäßer Weise die Lehre und das Selbstverständnis der Kirche umfassend dargestellt werden. Das Werk werde den Titel „Katechismus der Neuapostolischen Kirche“ tragen. Auch wenn die Arbeiten schon weit fortgeschritten seien, konnte kein festes Datum für die Herausgabe genannt werden. Die Veröffentlichung erfolgte schließlich im Jahr 2013.

Kritik am Informationsabend

Der Informationsabend ist besonders durch die negative Kritik im Internet bekannt geworden. So wurde der 4. Dezember 2007 polemisch als "Desinformationsabend" bezeichnet.

Negative Kritik gab es bezüglich des Selbstbildnis, welches den Kritikern der Kirche nach wie vor zu exklusiv erschien, insbesondere aber für den Geschichtsvortrag des Apostels Drave. In manchen neuapostolischen Gemeinden soll es während des Vortrags zu emotionalen Ausbrüchen gekommen sein. Besonders die Mitglieder der Apostolischen Gemeinschaft, deren Zeitzeugen dem Vortrag in der neuapostolischen Kirche Köln-Lindenthal beigewohnt hatten, zogen sich resigniert zurück und verurteilten das Vorgehen. Auch Bezirksapostel Wilfried Klingler stellte sich mit seiner Meinung zum Geschichtsvortrag öffentlich gegen Apostel Drave. Besonders wurde bemängelt, dass die Ausarbeitung wissenschaftlichen Kriterien nicht genügte, sondern offensichtlich apologetischen Absichten folgte, die bisherigen Stellungnahmen der Kirche zum Thema zu untermauern, auch wenn die Quellenlage anderes nahelegte. Allgemein wurde befunden, dass die Quellen selektiv und einseitig ausgewertet wurden, obwohl die später interessierten Forschern zugängliche Quellensammlung durchaus andere Schlüsse zugelassen hätte.

Da die Kritik am Informationsabend nicht nur von Kirchenexternen und ehemaligen Mitgliedern kam, sondern insbesondere von der Kirchenbasis selbst sowie aus den Reihen der neuapostolischen Amtsträger, war die zur Jahreswende 2007/2008 folgende Kritikwelle der erste ernstzunehmende Angriff auf die Politik und Strukturen der Neuapostolischen Kirche seit der Öffnung der Kirche durch Stammapostel Fehr. Die Auswirkungen des Informationsabends sowie der öffentlichen Kritik daran halten noch heute, Jahre später, spürbar an.

Die Neuapostolische Kirche sah sich durch die massive interne Kritik gezwungen, sich mit den Problemen der Ausarbeitung zu befassen, zunächst mit Symbolpolitik (s. unten), später mit einer Distanzierung von wesentlichen Positionen und Prämissen der Ausarbeitung.

Zeitleiste (Auswahl) der Ereignisse 2007 bis 2013

  • Unmittelbar nach dem 4. Dezember 2007 wurde das Papier in den großen Internetmagazinen zur NAK heftig kritisiert, es kam zu Kirchenaustritten, Manifesten und offenen Briefen. Dazu finden sich noch heute zahlreiche Quellen im Internet.
  • Am 1. Februar 2008 beendete die Apostolische Gemeinschaft die Gespräche mit der NAK vorerst, dazu wurde ein Begleitpapier veröffentlicht. (Siehe http://apostolisch.de/ablage/literatur/pdf/erklaerung.pdf.)
  • Im März und Juli 2008 kam es zu prominent besetzten Treffen von Zeitzeugen mit dem Stammapostel Wilhelm Leber und Bezirksapostel Armin Brinkmann. Dort wurden die unterschiedlichen Meinungen klar geäußert, und darüber auch im Internet berichtet. (Siehe z.B. http://www.nak-nrw.de/aktuelles/berichte/081021_zeitzeugen-ueber-die-nak-geschichte-1938-1955/.)
  • Am 21. Oktober 2008 veröffentlichte die NAK NRW eine Stellungnahme von Zeitzeugen der Apostolischen Gemeinschaft, darunter hohen Amtsträgern, die man im Kontext als Gegendarstellung zum Drave-Papier lesen kann. (Siehe http://www.nak-nrw.de/aktuelles/berichte/081021_zeitzeugen-ueber-die-nak-geschichte-1938-1955/.)
  • Am 24. Mai 2009 gestand Stammapostel Leber im Rahmen des Abschlussgottesdienstes des europäischen Jugendtags in Düsseldorf zum ersten Mal öffentlich Fehler der NAK in der Botschaftszeit ein („Das will ich gerne hier in der Öffentlichkeit zugestehen, ohne nun ins Detail zu gehen: Ja, es sind auch von unserer Seite, von der Seite der Neuapostolischen Kirche, Fehler gemacht worden. Wir strecken uns aus nach der Versöhnung.“ Siehe Artikel Versöhnungsgeste.)
  • Im Juni 2010 entfernte die NAK international das Drave-Papier von ihrer Webseite, dies wurde auch von Seiten der Apostolischen Gemeinschaft positiv vermerkt. (Siehe http://apostolisch.de/startseite/archive/73-entwicklungen.)
  • Am 3. Oktober 2010 führte der Stammapostel einige Monate nach dem 50. Todestag von Stammapostel Bischoff einen Erntedankgottesdienst in Frankfurt durch, bei dem er bekräftigte, dass auch ein Stammapostel nicht unfehlbar sei. Er entschuldigte sich nochmals bei den Betroffenen, die durch die Botschaft leiden mussten. (Siehe http://www.bischoff-verlag.de/public_vfb/pages/de/family/archiv/news2010/101003bischoff.html.)
  • Am 13. Mai 2013 veröffentlichte Stammapostel Leber kurz vor Ende seiner Amtszeit ein Schreiben „Stellungnahme zur Botschaft von Stammapostel Bischoff“, in dem er sich noch einmal zum Thema äußerte. Dieses Schreiben kann als offizielle Abkehr von der bisherigen Geschichtssicht der NAK und der Stellungnahme des Informationsabends betrachtet werden, wenn auch manche Punkte darin noch offenbleiben. Er schrieb dort unter anderem zur theologischen Bewertung der Botschaft: „Ich möchte betonen: Die Neuapostolische Kirche hält heute nicht mehr daran fest, dass es sich bei der Botschaft von Stammapostel Bischoff um eine göttliche Offenbarung gehandelt hat. Die Frage der Bewertung der Botschaft bleibt offen; es steht jedem frei, sich sein eigenes Urteil darüber zu bilden. Die Neuapostolische Kirche wird auch nicht mehr von der Begründung Gebrauch machen, der Herr habe seinen Willen geändert.“ Hinsichtlich der moralischen Bewertung äußerte er: „Es ist mir ein Anliegen, jene um Verzeihung zu bitten, die unter der Botschaft des Stammapostels Bischoff gelitten haben oder sich sogar von der Kirche abwandten. Ich bedaure die Gewissensnöte und Zweifel, denen viele ausgesetzt waren. Ich würde mich freuen, wenn dieser Artikel als weiteres Signal zur Versöhnung oder sogar als ein Schritt hin zur Versöhnung aufgenommen würde.“ (Siehe Stellungnahme zur Botschaft von Stammapostel Bischoff.)
  • Am 15. November 2013 veröffentlichte die Apostolische Gemeinschaft eine Antwort auf die Stellungnahme von Stammapostel Leber, in der die noch unbeantworteten Fragestellungen benannt, der Schritt des Stammapostels aber auch ausführlich gewürdigt wird: „Dass die Sprachlosigkeit zu diesem Thema sozusagen von höchster Stelle überwunden wird und erstmalig die Haltung des früheren Stammapostels J. G. Bischoff vorsichtig kritisch bewertet wurde, muss besonders hervorgehoben werden. Solche Äußerungen zur Botschaft hat es bisher von keinem Stammapostel der Neuapostolischen Kirche gegeben.“ (Siehe http://apostolisch.de/ablage/literatur/pdf/Leber_130513_Antwort_061113%20APV%20Final%202.%20Ver%C3%B6ff%20ausf%C3%BChrlich.pdf .)

Folgen

Die Folgen des Informationsabend waren unterschiedlich. Während konservative Kirchenmitglieder die geschichtliche Darstellung teilweise positiv auffassten und als ordentlich dargestellt sahen, protestierten Kritiker öffentlich im Internet gegen den Geschichtsvortrag von Apostel Drave sowie gegen das Selbstbildnis. Es kam auch zu Kirchenaustritten.

Die weitreichendste Folge war der Abbruch der Gespräche zwischen der Apostolischen Gemeinschaft und der Neuapostolischen Kirche. Außerdem wurde die Erklärung der Apostel und Bischöfe der Vereinigung der Apostolischen Gemeinden in Europa zur Aufarbeitung gemeinsamer Geschichte mit der Neuapostolischen Kirche vom 01. Februar 2008 veröffentlicht. Erst 2009 entschuldigte sich Stammapostel Leber beim Abschlussgottesdienst des Europäischen Jugendtages für die Art - nicht für den Inhalt - des Vortrages und reichte seine Hand zur Versöhnung. Dies tat er jedoch vor den eigenen Mitgliedern und nicht vor den brüskierten VAG-Mitgliedern und deren Kirchenleitung. Es folgten weitere Gespräche mit Zeitzeugen aus beiden Kirchen in NRW. Nach dem ÖKT 2010 erfolgte nach dem öffentlichen Wunsch des Dr. Johannes Albrecht Schröter an Apostel Kühnle das Entfernen der Geschichtsarbeit von der Internetseite der Neuapostolischen Kirche. Vor Ort äußerte sich Apostel Kühnle so, dass er den Geschichtsvortrag als "Betriebsunfall" bezeichnete.

Langfristig führte der Informationsabend trotz der erwähnten negativen Folgen aber zu positiven Effekten. So war in den Kirchenleitungen einige Zeit später ein Umdenken im Blick auf den Umgang mit Kirchengeschichte spürbar. Auf Seiten der Basis gründete sich in der Folge das Netzwerk Apostolische Geschichte, das sich einem sachlichen Umgang mit Kirchengeschichte verschrieben hat.

Weblinks