Simon Leinmann
Simon Leinmann (* 1904; † 1990) war ein deutsch-jüdischer Konvertit zur Neuapostolischen Kirche, dessen Verfolgungsgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus exemplarisch für das Schicksal von Christen jüdischer Herkunft steht [1].
Herkunft und Konversion
Leinmann wurde ca. 100 km westlich der heutigen polnisch-ukrainischen Grenze geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter zog er als 18-Jähriger nach Frankfurt (Oder) und 1926 weiter nach Berlin. Dort fand er in der neuapostolischen Gemeinde Neukölln eine neue religiöse Heimat und konvertierte zum Christentum. Diese Entscheidung führte zum Bruch mit seiner Herkunftsfamilie; sein Vater enterbte ihn und forderte die Ablegung des Familiennamens.
Verfolgung und Deportation
Trotz seiner Konversion galt Leinmann nach der NS-Rassenideologie als „Volljude“. Im Oktober 1938 wurde er im Rahmen der sogenannten Polenaktion als „Ostjude“ nach Polen deportiert. Sein Berliner Bezirksältester Hermann Luscher versuchte vergeblich, die Abschiebung zu verhindern, und attackierte dabei sogar uniformierte Bewacher mit seinem Spazierstock.
Lagerhaft und Überleben
Während des Zweiten Weltkriegs war Leinmann in zahlreichen Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern (u. a. in Poznań und Dratzigmühle) interniert. Er überlebte die Shoah schwer verletzt – er erlitt unter anderem eine Schusswunde am Bein, als er als „menschliche Barrikade“ missbraucht wurde – und war psychisch traumatisiert. Seine Ehefrau war während der NS-Zeit zur Scheidung gezwungen worden.
Nachkriegszeit und Gedenken
Nach seiner Befreiung wanderte Leinmann 1948 in die USA aus. Mit Unterstützung von Marie Dähns, der Tochter seines früheren Bezirksältesten, erhielt er in den 1950er Jahren eine finanzielle Wiedergutmachung. Sein Schicksal wurde umfassend durch den Historiker Karl-Peter Krauss im Werk „Dem Vergessen entrissen. Der ‚Ostjude‘ Simon Leinmann und die Neuapostolische Kirche“ (2020) dokumentiert.
Literatur
A) Karl-Peter Krauss: „´Bitte, bitte, lieber Apostel, helft meinem Mann, er ist kein Unwürdiger´: Der Ostjude Simon Leinmann“, in: ders.: Inszenierte Loyalitäten? Die Neuapostolische Kirche in der NS-Zeit, Berlin 2020, S. 321-345.
B) Karl-Peter Krauss: Dem Vergessen entrissen - Der „Ostjude“ Simon Leinmann und die Neuapostolische Kirche, Böhlau 2025
Weblinks
