Waldemar Schreckenberger

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Waldemar Schreckenberger (* 12. November 1929 in Ludwigshafen; † 4. August 2017 in Heidelberg) war ein deutscher Jurist, Hochschullehrer und Politiker (CDU). Ab 1976 war er in der Staatskanzlei in Mainz und später als Justizminister in Rheinland-Pfalz tätig.

Von 1982 bis 1984 war er Staatssekretär beim damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und Chef des Bundeskanzleramtes. Nach zwei Jahren wurde er durch Wolfgang Schäuble ersetzt. Die Funktion als Geheimdienstkoordinator hatte er noch bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundeskanzleramt am 30. April 1989 inne.

Mit Kohl, der ihn auch öffentlich „Schrecki“ nannte, verband ihn eine langjährige, bereits zu Schulzeiten geschlossene Freundschaft [[1]].

Waldemar Schreckenberger war ca. 30 Jahre neuapostolisch. Nach dem Bischoff-Desaster versuchte er eine Einigung zwischen Neuapostolischer Kirche und Apostolischer Gemeinschaft zu vermitteln. Der letztlich gescheiterte Versuch endete mit seiner Exkommunikation aus der NAK.

Schreckenberger hat sich nach 1960 öffentlich nie zu den Vorgängen geäußert, auch nicht – das ist der gegenwärtiger Stand – gegenüber Dr. Erwin Meier-Widmer, der ihm 2000 einen Brief schrieb, der auch zahllose Fragen zu den damaligen Ereignissen enthielt.

Akt 1: Brief an Bezirksapostel F. Bischoff

Anlässlich des Todes des Stammapostels Bischoff schrieb der gerade promovierte, 30-jährige Jurist einen aufrüttelnden Brief an den Bezirksapostel Friedrich Bischoff. Der antwortet allerdings nicht. Der Brief [[2]] – datiert vom 21. Juli 1960 – ist ein historisches Dokument der tiefen Krise innerhalb der Neuapostolischen Kirche unmittelbar nach dem Tod des Stammapostels J.G. Bischoff im Juli 1960. Inhaltlich lässt sich der ausführliche Brief so zusammenfassen:

Eingeständnis des Scheiterns („Die Botschaft“) Zentraler Punkt ist das Eingeständnis, dass die „Botschaft“ des Stammapostels – die Lehre, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkehren würde – definitiv nicht in Erfüllung gegangen ist. Schreckenberger bezeichnet die Kirche als „Gespött der Welt“ und stellt fest, dass die Glaubwürdigkeit der Lehre zutiefst erschüttert ist.

Kritik an der offiziellen Reaktion Schreckenberger kritisiert scharf die Versuche der Kirchenleitung, das Ausbleiben der Wiederkunft Christi mit Ausflüchten zu erklären (z.B. „Gott habe seinen Plan geändert“ oder es sei eine „letzte Prüfung“). Er lehnt diese „ängstlichen Beschönigungen“ und „dunklen Gleichnisse“ ab und fordert stattdessen die Anerkennung der objektiven Tatsache: Die Prophetie war falsch.

Übernahme der Verantwortung Der Verfasser nimmt sich und die anderen Amtsträger in die Pflicht: Er bezeichnet sie unumwunden als „Irrlehrer“, die unbegründete Hoffnungen geweckt haben. Er analysiert die „Botschaft“ psychologisch als Frucht eines „unkontrollierten Sehnens“ und einer religiösen „Ungeduld“, die biblisch nicht fundiert war.

Forderung nach radikaler Reform Der Brief ist ein flammendes Plädoyer für einen Neuanfang: Weg vom Sektentum: Die Kirche solle aus ihrer Isolation heraustreten und sich den Problemen der modernen Welt stellen, statt sich in „chiliastischen Vorstellungen“ (Endzeit-Fantasien) zu verlieren.

Theologische Neuausrichtung: Rückkehr zu einem biblisch begründeten Christusglauben und weg von „selbstzerstörerischem Wunschdenken“.

Verfassungsreform: Schreckenberger fordert eine Revision der Kirchenstruktur. Die absolute Macht des Stammapostels soll zugunsten eines Kollegialgremiums eingeschränkt werden. Er plädiert für den Stammapostel als „primus inter pares“ (Erster unter Gleichen) nach dem Vorbild der Urkirche.

Versöhnung: Am Ende ruft der Verfasser zur Vereinigung mit jenen auf, die zuvor wegen Zweifeln an der Botschaft ausgeschlossen wurden (insbesondere die Mitglieder der späteren Apostolischen Gemeinschaft).

Akt 2: Brief von Apostel P. Kuhlen

Schreckenberger war es ein Anliegen, die zugrunde liegenden Sachverhalte auf beiden Seiten (NAK und AG) bekannt zu machen, weshalb er dem damals exkommunizierten Bezirksapostel Peter Kuhlen, den Brief an Friedrich Bischoff in Kopie zur Kenntnisnahme übersandte. Peter Kuhlen hat geantwortet [[3]] (der Antwortbrief datiert vom 23. Juli 1960). Die Kernpunkte Kuhlens waren:

Ablehnung der Ausflüchte: Kuhlen verurteilt die Behauptung der NAK, Gott habe seinen „Plan geändert“. Er bezeichnet dies als biblisch unhaltbare Verdrehung, die das Vertrauen in Gottes Wort zerstört.

Vorwurf der Unaufrichtigkeit: Er wirft den NAK-Aposteln vor, aus „diplomatischen Überlegungen“ (Erhalt der Masse) die Unwahrheit zu decken, statt den Irrtum der „Botschaft“ einzugestehen.

Verweigerte Buße: Den Tod Bischoffs sieht er als ungenutzte Chance zur Umkehr. Statt Dialog erlebe er vonseiten der NAK schroffe Abweisung und „Hassgesang“.

Bedingung für Einigung: Kuhlen betont die Gesprächsbereitschaft der Apostolischen Gemeinschaft, fordert aber eine Rückkehr zu biblischen Wahrheiten statt eines bloßen „Überlackierens“ der Probleme.

Akt 3: Brief an den Stammapostel W. Schmidt und die Apostel

Da Bezirksapostel Friedrich Bischoff auf den Brief an ihn nicht reagiert hatte, sandte Schreckenberger einige Wochen später den gleichen Brief mit Anschreiben [[4]] – datiert vom 1. September 1960 – an den neuen Stammapostel Walter Schmidt und alle übrigen Apostel und erhielt wieder keine Antwort.

Nach weiteren Wochen kam der zuständige Bezirksälteste in die Gemeinde und exkommunizierte Bruder Schreckenberger. Nach dem Gottesdienst fragte der Bezirksälteste nach der Adresse. Die Exkommunikation werde ihm schriftlich und notariell beglaubigt zugestellt. Weil Waldemar Schreckenberger damals noch bei seinen Eltern wohnte, gab er deren Adresse an. Daraufhin wurden seine Eltern mit gleichem Schreiben ebenfalls exkommuniziert.

Akt 4: Brief an die Heimatgemeinde

In diesem offenen Brief [[5]] (datiert vom 19. Oktober 1960, veröffentlicht im „Herold“ Nr. 25, 1960) wendet sich Schreckenberger nach seinem Ausschluss aus der Neuapostolischen Kirche (NAK) direkt an die Mitglieder seiner Heimatgemeinde Ludwigshafen. Er warnt sie vor einer „großen Gefahr“ für ihr Seelenheil. Die Kernpunkte des Briefes:

Feststellung des Irrtums: Schreckenberger erklärt, dass die „Botschaft“ von Stammapostel Bischoff ein „gefährliches Truglicht“ war, zu dem Gott sich nicht bekannt hat. Die langjährige religiöse Geborgenheit in der NAK habe sich als trügerisch erwiesen.

Anklage gegen die NAK-Leitung: Er kritisiert scharf, dass die Apostel nach dem Tod Bischoffs nicht zur Wahrheit zurückkehrten. Stattdessen flüchteten sie in die „ungeheuerliche Verirrung“, Gott habe „seinen Plan geändert“, was Gott als trügerisches Wesen darstelle und die Gottesfurcht untergrabe.

Verlust der geistigen Autorität: Er bezweifelt, dass Amtsträger, die eine offensichtlich gescheiterte Botschaft weiterhin verteidigen, noch die Kraft des Geistes Gottes vermitteln können.

Empfehlung der Apostolischen Gemeinschaft (AG): Er weist die Geschwister auf die bereits früher ausgestoßenen Apostel der AG hin. Diese hätten das wahre Erbe bewahrt, seien demütig und hätten sich geweigert, das „Menschenwerk“ der Botschaft zu verkünden.

Appell zur Eigenverantwortung: Schreckenberger ruft auf, Mut zur Wahrheit zu haben und nicht im „Sündenschlummer“ zu verharren. Er fordert auf, die Gottesdienste der Apostolischen Gemeinschaft zu prüfen, um wahren Frieden und die Einheit in der Wahrheit zu finden.

==Akt 5: Brief von Dr. Erwin Meyer-Widmer==- In einem persönlichen, 5-seitiger Brief [[6]], datiert vom Juni 2000, wendet sich Dr. Erwin Meyer-Widmer an Prof. Dr. Waldemar Schreckenberger. Offensichtlich war Meyer-Widmer zuvor erstmalig auf den „Fall Schreckenberger“ aufmerksam geworden. Überliefert ist der Satz von Meyer-Widmer „Seit Kenntnis des Falles Schreckenberger habe ich noch nie solche Seelenqualen durchlebt wie in diesem speziellen Fall.

Neben der persönlichen Betroffenheit und Beschämung Meyer-Widmers hinsichtlich des Verhaltens der NAK-Leitung geht es in dem Brief vor allem um zahllose Fragen, die Meyer-Widmer von Schreckenberger gerne erörtert haben möchte. So möchte er „gerne wissen, ob sie jemals offiziell oder inoffiziell erfahren haben, warum Ihnen die Antwort oder das Gespräch verweigert wurde. Gab es diesbezüglich jemals Kontakt zwischen Ihnen und der NAK, ganz gleich, auf welcher Ebene? Wie schätzen Sie das Schweigender NAK zu Ihrem Brief ein? War es die fehlende Bereitschaft oder die Unfähigkeit, sich den von IOHnen aufgeworfenen Fragen im Dialog zu stellen? Kannten Sie Apostel Fritz Bischoff näher und hatten deshalb zu ihm besonderes Vertrauen? Und warum, meinen Sie, hat er dieses Vertrauen nicht erwidert?“ (S. 2)

Außerdem möchte Meyer-Widmer „von Ihnen erfahren, wie Sie 40 Jahre später, also heute, auf Ihre NAK-Mitgliedschaft und die Entwicklung danach zurückblicken. In der Konsequenz Ihres damaligen Schreibens an die NAK müßte es eigentlich Ihrerseits zum Anschluß man die „Apostolische Gemeinde“ des Apostels Kuhlen gekommen sein! War dem so?“ (ebd.)

Die sich über mehrere Seiten hinziehenden Fragen an Schreckenberger vor allem auch zur „Apostolischen Gemeinde“ stellt Meyer-Widmer, so schreibt er am Ende des Briefes, weil er „in Ihnen jemanden vermute, dessen Herkunft aus dem und dessen Einbindung noch heute (??!!) in das Apostolischsein mir in diesen Grundfragen behilflich sein kann!“ (S. 5)

Wie und ob überhaupt Schreckenberger jemals geantwortet hat, ist nicht bekannt…