Pietismus

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Inhaltsverzeichnis

Allgemeiner Pietismus

 
Das so genannte „Fünf-Brüder-Bild“, ein Portrait von Persönlichkeiten des württembergischen Pietismus.

Die Wurzeln des Pietismus liegen u. a. im englischen Puritanismus, des 16. Jahrhunderts; er entfaltete sich im nachreformatorischen 17. Jahrhundert und verstand sich als Gegenbewegung zu einem theologisch überfrachteten und im Glauben erstarrten Protestantismus.

Die Pietisten (pietas: Frömmigkeit) traten im Rahmen der Erweckungsbewegung für die individuelle Verantwortung des Einzelnen ein, lehnten die Überbetonung des Rationalen durch die Aufklärung ab und entwickelten eine individualistisch-subjektive Frömmigkeit des Herzens, die sich in der Praxis christlichen Lebens zu bewähren hatte. Statt der institutionalisierten Kirche rückte der individuelle Christ und seine persönliche Frömmigkeit in den Blickpunkt.

Mit den ihm verwandten Bewegungen des Puritanismus, der Nadere Reformatie, des Methodismus und den Mennonitischen Brüdergemeinden übte der Pietismus eine prägende Kraft aus. Seit den 1970er Jahren ist das Wort pietistisch zunehmend von dem Wort evangelikal verdrängt worden.

Apostolischer Pietismus

Im apostolischen Pietismus wurde der Einzelne für den Glauben entdeckt wie nie zuvor, getragen wurde die Bewegung in der Regel von vielen einfachen Leuten. Durch eine Lebenswende, als Wiedergeburt bezeichnet, nehmen Menschen Christus persönlich in ihr Leben auf. Sie stellen ihr Leben unter das Gebet und unter die Führung lebender Apostel und lernen aus der Bibel. Der Glaube erhält damit oft eine besondere Ausstrahlung und Stoßkraft. Der apostolische Pietismus bezeichnet also die bewusst vom Subjekt erlebte Gotteserfahrung und die bewusst vollzogene Hingabe an Gottes Wort und an dessen Auslegung und Verkündung durch einen lebenden Apostel.

Der apostolische Pietismus setzt im Gegensatz zum klassischen Pietismus auf eine stärkere Ausrichtung auf Lehre (Dogmatik) und Verkündigung (Evangelisation/Mission), die größtenteils zu Lasten der karitativen und diakonischen Tätigkeiten geht.

Die Mitglieder der apostolischen Gemeinden/Kirchen waren gehalten, ihr Inneres genau zu beobachten und ein etwaiges Erweckungserlebnis, ein sonstiges Glaubenserlebnis, Gesichte oder Träume im Kreise der Brüder und Schwestern zu berichten.

Auswirkungen auf das gesellschaftlichem Leben

 
Der breite und der schmale Weg

Die apostolischen Christen traten gegen die erstarrte Orthodoxie in der katholischen Kirche und den evangelischen Landeskirchen und für eine lebendige Glaubenserfahrung, praktische Frömmigkeit, Abkehr von der Welt und für die aktive Mitarbeit der Laien ein. Die Abkehr von der Welt bedeutete die Ablehnung geistiger Zerstreuung oder Ablenkung durch z. B.

  • Jahrmarkt(srummel)
  • Zirkus
  • Tanzboden (Discothek)
  • Karneval, Fastnacht, Fasching
  • Theater
  • Oper, Operette
  • Fernsehen/Rundfunk
  • Kino

Aber auch Sport-Events bzw. alle Event-Veranstaltungen; vor allem, wenn sie sich auf die eitle Selbstdarstellung oder in zeitlicher (z. B. Sportveranstaltungen am Wochenende), oder inhaltlicher (z. B. partei- oder gesellschaftspolitische Veranstaltungen) Konkurrenz zur apostolischen Lehre befanden, da einerseits der Sonntag und der Abend des Wochen-Gottesdienstes oder auch die Gesangsprobestunden nach dem Selbstverständnis der apostolischen Christen „Gott“ gehörten und nicht auf dem „Götzen-Altar der Welt“ geopfert werden sollten und andererseits die Religionsinhalte nicht durch gesellschaftliche oder wissenschaftliche Erkenntnisses in Frage gestellt werden sollten.

Kritik

Außenstehende Christen, wie auch Nichtchristen, kritisieren an den apostolischen Christen, dass diese sich zu sehr auf die eigene geistliche Entwicklung konzentrierten (die Kritiker sehen die Gefahr eines „Heils-Egoismus“), weswegen sie der Verantwortung des Menschen in der Gesellschaft nicht gerecht werden könnten.

Von Außenstehenden wird den apostolischen Christen Intoleranz vorgeworfen, da diese nicht von ihrem Ausleben des Christentums gemäß ihrer spezifischen Auslegung durch ihre Apostel abrücken wollen und auch andere von dieser Lebensform überzeugen wollen.

Literatur

  • Die Religionen der Menschheit, Friedrich Heiler, neu herausgegeben von Kurt Goldammer, Büchergilde Gutenberg, Verlag Philipp Reclam, 1981

Weblinks