Netzwerk Apostolische Geschichte

Überkonfessionelle und unabhängige Interessengemeinschaft
für die Geschichte der Apostolischen Glaubensgemeinschaften.
 
"Versöhnte Verbundenheit" in Netzschkau

Netzwerk Apostolische Geschichte baut Brücken an historischem Ort

 

Seminarteilnehmer in der Netzschkauer KircheDie Ökumenefähigkeit der Neuapostolischen Kirche und anderer Gruppen aus den apostolischen Gemeinschaften wurde in der vergangenen Zeit intensiv und teilweise mit großen Emotionen diskutiert. Das konfessionsübergreifende Netzwerk Apostolische Geschichte tagte nun am 12. und 13. September 2009 in Netzschkau, einem der wesentlichen Entstehungsorte des reformiert-apostolischen Gemeindebundes, und setzte eindrucksvolle Zeichen für die ökumenische Arbeit.

Wenn es vor diesem Wochenende noch Zweifel gegeben hätte, ob Neuapostolische, (VAG-) Apostolische, Protestanten, Baptisten und nicht konfessionell Gebundene zusammen in guter, kreativer Atmosphäre sachlich über Kirchengeschichte diskutieren können – nach dem Treffen des Netzwerks Apostolische Geschichte wären sie eindrucksvoll aus der Welt geräumt. Die Tagung, die im sächsischen Lengenfeld und in Netzschkau selbst stattfand, konnte nicht nur einen produktiven Beitrag zur Erforschung der Geschichte der apostolischen Gemeinschaften leisten, sondern schuf auch jenseits der Forschungsarbeit informelle und spontane Gesprächsmöglichkeiten.

Die SeminarteilnehmerDer 12. September, Samstag, stand dabei für die 24 Teilnehmer im Zeichen der Lehre des „neuen Lichts“, einem komplexen Lehrgebilde, das, im späten 19. Jahrhundert entstanden, die damalige Apostolische Gemeinde von der Theologie der katholisch-apostolischen Gemeinden wegführte und neue dogmatische Elemente mit sich brachte, so die Einführung eines kirchenleitenden Amtes, das sogenannte „Entschlafenenwesen“, die Einschränkung prophetischer Rufungen und die kontroverse Vorstellung einer fleischlichen Wiederkunft Christi in der „Einheit der Apostel“. Vier Vorträge behandelten verschiedene Aspekte dieses Komplexes, zwei Kurzvorträge zu weiteren Themen schlossen sich an. Durchbrochen wurde das Programm dabei von einer spannenden, gleichwohl etwas bedrückenden Besichtigung der sogenannten „Tränenkirche“ in Netzschkau/Mylau – aus jenem Gebäude wurden 1921 über 400 Gemeindemitglieder der damaligen Neuapostolischen Gemeinde verwiesen – und der Kirche der Apostolischen Gemeinde in Netzschkau.

Carsten MünsterbergCarsten Münsterberg begann den Seminartag mit einem Einführungsvortrag um die Nachfolgestreitigkeiten in den Niederlanden nach dem Tod des Apostels Schwarz, bei denen unter anderem der Vorwurf erhoben würde, der Apostel Krebs würde in den Niederlanden eine neue Lehre einführen wollen, die den Grundsätzen der damaligen niederländischen Hersteld Apostolische Zendingkerk zuwiderlaufen würde. Genannt wurden die Ordination von Amtsträgern ohne prophetische Rufung, Menschenvergötterung und Einmischung in die Angelegenheiten eines fremden Apostelbezirks.

In einem Methodenvortrag untersuchte im Anschluß Andreas Ostheimer die Kontroverse Niehaus-Niemeyer. Auch hier entsprang offenbar ein Teil der Auseinandersetzungen der von Niemeyer abgelehnten, von Niehaus aber in Maßen geförderten Lehre vom neuen Licht. Anhang eines signifikanten Bestandes von Rundschreiben aus der Zeit von 1912 bis 1914 zeigte er auch die Möglichkeiten und Grenzen der Quellenkritik für die wissenschaftliche Erarbeitung des Themas auf.

TränenkircheZwischenzeitlich besichtigten die Seminarteilnehmer gemeinsam zwei Gebäude, die für die Geschichte der apostolischen Gemeinschaften in Netzschkau von besonderer Bedeutung sind: Die sogenannte „Tränenkirche“, ein (neu-)apostolischer Kirchenbau des 19. Jahrhunderts, aus dem die Mitglieder des späteren reformiert-apostolischen Gemeindebundes nach 1921 ausgewiesen wurden, und der in der Folge eine wechselhafte Geschichte hatte, und die Kirche der Apostolischen Gemeinde Netzschkau, die nach der Trennung von der Neuapostolischen Gemeinde entstand. Der Älteste Thomas Kegler, Vorsteher der Netzschkauer Gemeinde, führte zusammen mit Priester Reinhard Welsch durch die Räume und gab einen groben Überblick über die geschichtlichen Zusammenhänge.

Besonders das Schicksal der Tränenkirche wurde dabei ein Spiegel der Zeit: Nachdem sie schon kurz nach 1921 von der Neuapostolischen Gemeinde aufgegeben wurde, wurde sie später von der Hitlerjugend genutzt. Nach dem Krieg wurden im ehemaligen Kirchsaal Holzverschläge eingezogen und Flüchtlinge untergebracht. Später wurde der Saal zu Wohnungen umgebaut, die nun, nach der Wende, leerstehen und teilweise als Werkstatt und Lager für Autoteile genutzt werden. Dabei ist die originale Bausubstanz noch zu erahnen; einzelne Bleiglasfenster und Säulen sind aus der Zeit der neuapostolischen Gemeinde noch erhalten. Aufgrund von akutem Sanierungsstau ist aber absehbar, dass das Gebäude in naher Zukunft verfällt oder abgerissen werden muss.

Mathias Eberle und die Lehre vom Nach der Rückkehr ins Tagungshotel versuchte sich Mathias Eberle dann an einer Verbalisierung der Lehraussagen des neuen Lichts. Anhand einer Quellenanalyse des Apostolischen Gesangbuchs in der Fassung von 1906 arbeitete er wesentliche Punkte heraus, die in den vorhergehenden liturgischen und hymnologischen Quellen bisher nicht vorkamen. Sebastian Müller ergänzte das Bild mit einem Überblick über die sakramentalen Handlungen an Toten in der Apostolischen Gemeinde. Fritz Neumann schloß den Seminartag mit zwei Kurzvorträgen zum Leben des Bischofs Popp und zu Name und Symbolen der Neuapostolischen Kirche ab.

Die Teilnehmer waren am nächsten Tag zum Gottesdienst in der apostolischen Gemeinde eingeladen, der unter der Leitung des Apostels Gert Loose stattfand. In besonders herzlicher Weise ging er auf das Treffen des Netzwerkes ein und betonte die Bedeutung der Aussöhnung der apostolischen Gemeinschaften untereinander, aber auch die Wichtigkeit der Einheit und Einigkeit aller Christen in schwieriger Zeit. Drei Teilnehmer des Netzwerktreffens brachten besondere Fürbittgebete dar, in denen vor allem um die Einheit der Kirche und die Wiederkunft des Herrn gebeten wurde.

FürbittgebeteNach dem Gottesdienst bedankte sich Sebastian Müller für die Organisatoren bei der Netzschkauer Gemeinde für die Unterstützung bei der Organisation, die freundliche Aufnahme und die Gastfreundschaft. Er erwähnte, am vergangenen Tag sei über den Begriff der „versöhnten Verschiedenheit“ gesprochen worden. Hier habe er erfahren, dass es unter den apostolischen Gemeinschaften schon jetzt eine „versöhnte Verbundenheit“ gebe, die die bestehenden Unterschiede klein erscheinen lasse.

Nach einer Gesprächsrunde zum Thema „Die Kirche Christi“, bei der die Grundfesten christlichen Glaubens (Taufe und Bekenntnis) diskutiert wurden, verabschiedeten sich die Teilnehmer am Sonntag Nachmittag. Es bleibt zu hoffen, dass sich die herzliche Atmosphäre des Treffens auch auf die Gespräche der verschiedenen Kirchenleitungen auswirken kann.

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Bilder von Carsten Münsterberg
Glaubenskultur.de Premiumartikel "Neues Licht auf alte Lehre"
Videos von Rolf Berenz auf youtube.de

Berichterstattung auf treffen-in-netzschkau.de